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Erfolgreicher Protest: Afghanische Flüchtlinge verweigern Einzug in Sammellager in Thüringen.

»Zwischen Bundesstraße, Feldern und Güllebehältern«

Erfolgreicher Protest: Afghanische Flüchtlinge verweigern Einzug in Sammellager in Thüringen. Gespräch mit Hassan Siami
Interview: Gitta Düperthal
Hassan Siami ist Flüchtlingsaktivist, Asylberater und Dolmetscher der Break-Isolation-Initiative und unterstützt die Selbsthilfeorganisation The voice

Wie viele andere Flüchtlinge und Asylsuchende in Deutschland sollten vier Afghanen direkt von der Erstaufnahmeeinrichtung in ein von der Außenwelt völlig isoliertes Flüchtlingslager in Thüringen verlegt werden – doch die jungen Männer widersetzen sich. Wie kam es dazu?
Das hat es in Deutschland noch nie gegeben, daß Flüchtlinge sich weigern, in ein Lager zu gehen. Die vier afghanischen Flüchtlinge Jalil Amiri, Samir Al-Molk, Basir Ghafari und Aref Mozafari kamen nach ihrer Flucht in die Erstaufnahmeeinrichtung Eisenberg. Dort erhielten sie nach wenigen Tagen in der Woche vor Ostern eine sogenannte Zuweisung von der Ausländerbehörde, wonach sie ins Lager Breitenworbis verlegt werden sollten, sowie ein Zugticket dorthin. Sie machten sich auf den Weg zu dem Lager, stellten fest, daß sie dort völlig ohne Kontakt zur deutschen Bevölkerung sein würden und es auch ansonsten katastrophale Lebensumstände gibt. Also kehrten sie um, um in Eisenberg ihren Protest zu äußern.

Was hat die vier Flüchtlinge im Lager Breitenworbis so schockiert, daß sie sich auf dem Absatz umgedreht haben und in die Erstaufnahmeeinrichtung zurückgekehrt sind?
Schon auf den ersten Blick sei das Lager furchtbar, teilten sie uns mit. Das marode Gebäude liegt zwischen einer Bundesstraße, Feldern und stinkenden offenen Güllebehältern. Nur 20 Meter vom Eingang entfernt befinden sich Schweine- und Rindermastanlagen. Deshalb herrsche ein fürchterlicher Gestank, der kaum zum Aushalten sei. An heißen Sommertagen werde dieser so stark, daß es nahezu unmöglich sei, sich draußen aufzuhalten oder die Fenster zu öffnen, hatten ihnen Flüchtlinge berichtet, die dort leben müssen. Breitenworbis, ein 3500-Seelenkaff, befinde sich etwa drei Kilometer entfernt vom Lager, am Wochenende fahren keine Busse – auch nicht zu umliegenden, noch weiter entfernten Ortschaften. Einige der Flüchtlinge dort seien völlig fertig und psychisch erkrankt.

Wie haben die Afghanen ihren Protest kundgetan?
Sie haben uns eine Erklärung übergeben, in der es heißt: »Wir haben jahrelangen Krieg hinter uns. Wir haben nie Ruhe gehabt, nie die Chance auf Bildung. In Breitenworbis haben wir keine Möglichkeit, an einem Sprachkurs teilzunehmen, und durch die abgeschiedene Lage keinerlei Kontakt zur Bevölkerung.« Sie seien nicht vor Taliban und NATO geflüchtet, damit ihnen ihr Wunsch auf eine Zukunftsperspektive weiterhin verwehrt bleibe. In den Räumen, in die sie einquartiert hätten werden sollen, hatten sie kaputte Einrichtungsgegenstände und Gerümpel vorgefunden. Nach Gesprächen mit Flüchtlingen sei ihnen klar geworden, daß es sich um keine Übergangslösung handelt; viele vegetieren dort seit Jahren vor sich hin.

Können die vier auf Unterstützung rechnen?
Ja, schon lange steht diese skandalöse Unterbringung von Flüchtlingen in Thüringen in der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Selbsthilfeorganisation The voice kämpft seit Jahren dafür, daß diese abgelegenen und baufälligen Lager endlich geschlossen werden. Ein breites Bündnis von Unterstützern begrüßt dieses mutige Verhalten der afghanischen Flüchtlinge: Die Break-Isolation-Initiative, Studenten der antikapitalistischen Initiative Revolta, der Flüchtlingsrat Thüringen, das psychosoziale Zentrum Refugio Thüringen. Leute aus Kirchengemeinden, Mitglieder und Abgeordnete der Partei Die Linke und der Grünen engagieren sich. Eine Delegation von Flüchtlingsaktivisten hat sich sofort auf den Weg nach Eisenberg gemacht, um sie zu unterstützen.

Wie ist die derzeitige Situation der vier Afghanen?
Da sie sich weigerten, ins Lager Breitenworbis zurückzugehen, erlaubte man ihnen, eine Nacht in Eisenberg zu schlafen. Dann hat man sie hinausgeschmissen und – als sie nicht gehen wollten – die Polizei geholt, die sie des Lagers verwies. Flüchtlingsaktivisten haben ihnen daraufhin eine Übernachtungsmöglichkeit besorgt. Tagsüber sind die Flüchtlinge vor die Unterkunft in Eisenberg zurückgekehrt, um zu protestieren. Nachdem er zunächst »keine Ausnahme« machen wollte, sagte der zuständige Referatsleiter des Thüringer Landesverwaltungsamts Mathias Reinhardt dem Flüchtlingsrat Thüringen schließlich doch zu, am heutigen Dienstag für eine andere Unterkunft sorgen zu wollen. Über die Feiertage konnten die vier Afghanen in Eisenberg bleiben. Wir erwarten, daß er sich daran hält – und daß Lager wie Breitenworbis endlich geschlossen werden.

Erklärung der vier protestierenden afghanischen Flüchtlinge in Eisenberg
http://thevoiceforum.org/node/2495

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