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ZWEITER MARSCH INS FLÜCHTLINGSLAGER WAßMANNSDORF IN BERLIN SCHÖNEFELD Von Turgay Ulu

Foto: Thomsen Kriska

ZWEITER MARSCH INS FLÜCHTLINGSLAGER WAßMANNSDORF IN BERLIN SCHÖNEFELD Von Turgay Ulu
Berlin, 27.10.2012

Unser Kampf in Berlin geht einerseits mit Straßenaktionen und andererseits mit dem Hungerstreik weiter. Die Übergriffe der Polizei auf die Hungerstreikenden und die Verhaftung einiger unserer Freunde und unsere anschließende Warteaktion vor dem Gefängnis in Moabit hat die praktischen Lehren verdeutlicht, die wir für die parallele Weiterführung zweier Strategien ziehen müssen.

27. Oktober 2012. From the Refugee Protest Camp in Berlin Oranienplatz starts a solidarity action with the Refugees in the Lager Waßmannsdorf. The nazi aggression they suffered on October 9th added itself to isolation and daily fear of deportation the Refugees have to live with. We went there with the message: You are not alone. Join us on struggle! http://asylstrikeberlin.wordpress.com

Das Schönefelder Flüchtlingslager hatten wir schon einmal besucht und uns über die hiesige Lage, die Ansichten sowie Vorschläge der hier lebenden Flüchtlinge informiert. Dieses Flüchtlingslager wurde erst vor kurzem Ziel rassistischer Angriffe. Außerdem ist die Isolation hier besonders spürbar.

Heute morgen haben wir uns, wie wir zuvor beschlossen hatten, auf den Weg nach Schönefeld gemacht. Schönefeld befindet sich in einem anderen Bundesland und der Weg dorthin ist sehr weit. Den Aufruf für unsere Aktion hatten wir bereits in das Infozelt aufgehangen. Zusätzlich haben wir den Aufruf im Internet veröffentlicht.

Um 11 Uhr haben wir uns vor dem Infozelt getroffen. Die deutschen AktivistInnen haben sich gedacht, dass wir keine Fahrkarten kaufen können und uns welche besorgt. Wie immer haben wir in aller Ruhe begonnen zu marschieren. Wir haben es nicht als erforderlich angesehen, eine Genehmigung zu beantragen und haben auf dem Weg zum Bahnhof demonstriert, auf der Straße und am Bahnhof unsere Parolen geschrien.

Weil wir dieses Lager vorher schon einmal besucht hatten, kannten wir den Weg. Nach ein paar mal Umsteigen mussten wir von unserem Endziel aus ganze vier Kilometer zum Flüchtlingslager Waßmannsdorf gehen. Während wir am Bahnhof warteten, kamen immer mehr AktivistInnen dazu. Manche AktivistInnen hatten wohl Schwierigkeiten aufzustehen gehabt. Obwohl wir uns in zwei Reihen bewegt haben, haben wir uns letztendlich treffen können. Unter den AktivistInnen haben wir auch welche wiedererkannt, die vorher mit uns marschiert sind, und dann nach Hause gegangen waren.

Am Bahnhof haben wir Musik gemacht und getanzt. In der Nähe des Flüchtlingslagers waren wir sehr viele, etwa 300. Menschen mit oder ohne Papier aus der ganzen Welt, aus Italien, Nikaragua, Columbia oder Afrika, die sich in Deutschland niedergelassen haben, haben an unserer Aktion teilgenommen. Währenddessen haben wir per Telefon den Kontakt zu unseren FreundInnen, die am Brandenburger Tor in den Hungerstreik getreten sind, aufrecht erhalten und einige von ihnen sind sogar mit uns gekommen. Vor dem Flüchtlingslager haben wir die Erklärungen der streikenden FreundInnen vorgelesen.

Als wir am Flüchtlingslager in Schönefeld angekommen sind, haben wir gesehen, dass die Polizei vor dem Gebäude mit ihren Fahrzeugen eine Barrikade gebaut hatte. Sie haben uns gesagt, dass es uns verboten ist, das Lager zu betreten. Nach langen Diskussionen haben wir die Erlaubnis bekommen, dass eine Gruppe von zwanzig Personen das Heim besucht.

Vor dem Eintritt in das Heim hat ein Freund, den in diesem Lager lebt, ein Transparent und eine Fahne, die wir mitgebracht hatten, oben an das Lagergebäude gehängt. Ein Sicherheitsmensch, der dies sah, versuchte einzugreifen und das Transparent runterzureißen. Aber der Freund konnte nach einem Handgemenge das Transparent retten. Unter Applaus der Menge wehten unser Transparent und unsere Fahne am Dach des Flüchtlingslagers.

Nachdem wir lange Zeit vor dem Flüchtlingslager unsere Parolen geschrien haben, Ist die Gruppe von zwnazig Personen nach und nach in das Gebäude gegangen. Der Anblick im Gebäude war furchtbar. Wir haben einen älteren Mann aus Serbien kennengelernt. Er erzählte, dass er seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt und zehn davon in Lagern verbracht hat. Er hat uns ein gutes Opferfest gewünscht. Später umarmte er einen Freund und begann zu weinen. Er habe Blasenkrebs, erzählte er. Er bekomme keine ordentliche Behandlung.

Im Lager Schönefeld gibt es eine Toilette und eine Dusche für jeweils zwei Etagen. Das erschwert sogar die täglichen Toilettengänge der Menschen. Das Stadtzentrum ist sehr weit entfernt. Um einkaufen gehen zu können, müssen sie die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen und das müssen sie aus eigener Tasche bezahlen. In manchen Zimmern leben bis zu 20 Flüchtlinge. Alle können nicht im Lager bleiben. Im Erdgeschoss gibt es Duschen. Als wir die Tür der Duschen geöffnet haben, war der Gestank für uns alle unerträglich. Dort gibt es auch kleine Zimmer zum Wäsche aufhängen. Diese Räume haben keine Fenster und hier soll die nasse Wäsche trocknen. Die Menschen haben uns das Isolationssystem und das schlechte Leben hier erzählt. Wir haben ihnen geschildert, wie sie die Isolation brechen und frei sein können. Wir haben versucht zu erklären, wie wir uns während des langen Freiheitsmarsches organisiert haben. Wir haben gesagt, dass man die Isolation des kapitalistischen Systems nicht ohne Kampf abschaffen kann.

Unsere Aktion innerhalb und vor dem Flüchtlingslager hat Stunden gedauert. Wir haben unsere Zeitungen und Flugblätter verteilt. Auf dem Rückweg haben wir weiterhin unsere Transparente und Fahnen ausgerollt und unsere Parolen geschrien. Das schönste haben wir in der Bahn erlebt. Neben dem Megaphon haben wir kurdische Musik über die Handys gehört und dazu Halay getanzt. Alle haben gesehen, dass wir Flüchtlinge sind, die von ganz unten kommen. Während der langen Rückfahrt haben wir kurdische Musik gespielt und getanzt, Parolen geschrien, Märsche gesungen. Die anderen Fahrgäste haben dies nicht verstanden. Für sie sind wir nun mal Barbaren, die das System und die Ordnung stören – und das ist gut so. Gut situierte Menschen haben wahrscheinlich gedacht, dass wir die Umgebung verschmutzen und nur stören. Sollen sie doch.

Im Flüchtlingslager haben wir die Toiletten, die Duschen und die Wäschekammer gefilmt und dokumentiert. In Gesprächen haben wir versucht, den Menschen die Gründe für die Lage, in der sie sich befinden, und für den Rassismus, mit dem sie konfrontiert werden, zu erklären. Am Abend, auf dem Weg zurück zu unseren Widerstandszelten, haben wir unsere Transparente getragen und demonstriert – ohne Erlaubnis der Polizei. Die heutige war eine Art Pirataktion.

Als wir angekommen sind, wurden wir von Musikklängen einer Band empfangen. Weiterhin demonstrierend, sind wir zu unseren Zelten gegangen. Zum Abendessen gab es Felischsuppe. Wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen, die Suppe hat uns gut getan.

Zurzeit gibt es in Berlin Vorbereitungen für zahlreiche Straßenaktionen. Sie laden auch uns zu diesen Vorbereitungen ein. Als wir eins dieser Vorbereitungstreffen besuchten, kam ein Anruf und wir erfuhren , dass ein junger Freund im Hungerstreik aufgrund von niedrigem Blutzucker Ohnmächtig geworden ist und ins Krankenhaus gebracht wurde. Deshalb mussten wir die Sitzung umgehend verlassen. Kurz darauf kam die Nachricht, dass er entlassen wurde.

Wir haben an der Festivalvorbereitung eines Vereins teilgenommen, der uns seit Langem kennenlernen wollte. Sie haben uns detaillierte Fragen über unseren Widerstand gestellt. Sie fragten uns, ob wir demnächst an einem Programm teilnehmen können, das sie zurzeit planen. Sicherlich werden wir mitmachen, wenn wir an dem Tag nichts vorhaben.

Auch heute Abend gab es kein Plenum. Weil wir gestern Abend sehr lange vor dem Gefängnis gestanden sind, waren wir am Abend zu müde für ein Plenum. Heute war es ähnlich – ja heute war der Tag sogar noch bewegter. Wir, die Barbaren und Landstreicher greifen das sterile Leben hier an und bringen die gesellschaftliche Ordnung durcheinander.

Am Mittwoch werden sich der türkische Miisterpräsident und die deutsche Kanzlerin treffen und Gespräche über das Syrien-Problem führen. Gerade wird eine große Demonstration zu diesem Thema organisiert. Wir gehen davon aus, dass mindestens zehntausend Leute gegen den Krieg demonstrieren werden.

Solange wir in Berlin bleiben und Aktionen machen, versuchen wir, unseren Bekanntenkreis zu erweitern. Diese sind wichtige Kontakte für zukünftige Kämpfe.

Obwohl unsere heutige Aktion früh am Morgen war, gab es sehr viele Teilnehmer. Mit einer guten Koordination können wir für künftige Aktionen Menschen repolitisieren, die wegen mancher Probleme politischen Aktionen den Rücken gekehrt haben.

Die Polizei hat heute die Hungerstreikenden am Brandenburger Tor nicht angegriffen. Das Wetter ist aber sehr kalt geworden und das Thema, wie die Menschen auf der Straße einen Hungerstreik führen können, beschäftigt die Geister. Sie warten, dass der Staat für Zelte einen Ort zur Verfügung stellt. Solche Verfahren dauern hier aber ihre Zeit. Das Zelt, das wir aufgestellt hatten, wurde von der Polizei verboten.

Unser Widerstand wird durch den Hungerstreik und Straßenaktionen in zwei Reihen geführt. So konnten wir in den letzten Tagen praktisch ausprobieren, wie zwei Strategien parallel zueinander geführt werden können.

27.10.2012
Turgay Ulu
Berlin

Text in Deutsch:
Solidarität mit den von Nazis angegriffenen Asylsuchenden im Lager Wassmannsdorf