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"Ich lebe nicht in Deutschland, sondern im Lager" - Isolation statt Integration in Gerstungen

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"Ich lebe nicht in Deutschland, sondern im Lager" - Isolation statt Integration in Gerstungen

Spiegel Online, 15.10.2010, Von Annette Langer

Das Asylbewerberheim im thüringischen Gerstungen hat einen schlechten Ruf. Zu Recht. Hier werden unerwünschte Zuwanderer von der ersten Sekunde an gezielt ausgegliedert: Isolation statt Integration. Ein Besuch.

Gerstungen an einem warmen Oktoberabend 2010: Ein Mann mit ungepflegtem Drei-Wochen-Bart torkelt über den rissigen Asphalt. Seine linke Hand umklammert eine gold glänzende Bierdose, als versuchte er, sich selbst und die Welt im Gleichgewicht zu halten. "Der ist bestimmt schon 20 Jahre hier - und er hasst sie alle", sagt Ali Rexha und schnalzt mit der Zunge. "Iraner, Kurden, Syrer oder Deutsche, für ihn sind alle gleich."

Hinter dem hühnenhaften Kosovo-Albaner steht ein trostloser grauer Schuppen, neben ihm sein kurdischer Kumpel Nassan Hussen. "Lieber sterbe ich, als noch so lange hier zu blieben", flüstert der 44-Jährige und er sagt das so bitter entschlossen, dass man ihm glaubt.

Die drei so unterschiedlichen Männer teilen ein gemeinsames Schicksal: Sie leben im thüringischen Gerstungen in einem Asylbewerberheim, das wie so viele in der Region einen schlechten Ruf hat. An Überlastung kann das nicht liegen, denn die Zahl der Flüchtlinge im Freistaat sinkt mit jedem Jahr. Nur rund drei Prozent aller bundesweit einreisenden Asylbewerber nimmt Thüringen auf. Derzeit sind knapp 1500 Personen ausreisepflichtig, die aber aus unterschiedlichen Gründen geduldet werden.

Viele von ihnen leben in Unterkünften, die nicht von ungefähr als "Knast" verschrien sind. Der Weg ins Heim von Gerstungen wird versperrt von einem zwei Meter hohen, verrosteten Eisentor. Beim Betreten des Hauptgebäudes passiert man eine zerschlagene Fensterscheibe, aus der Erde ragt ein Metallstab, an dem sich unlängst ein spielendes Mädchen schwer verletzt haben soll. Im tristen, gelb gekachelten Treppenhaus erwecken mit Plastikschnüren verarztete brüchige Eisengeländer wenig Vertrauen, im darüber liegenden Wohnbereich wird es nicht besser.

"Ich wohne mit meinen beiden Brüdern in einem Zimmer", sagt Nassans Tochter, die 21-jährige Hetajad, mit einem entschuldigenden Lächeln. Eine Besichtigung des Raums ergibt, dass eine - diskret mit einem Laken verhüllte - Wand komplett mit Schimmel überzogen ist. Geschätzte Wohnfläche: 14 Quadratmeter. Vater Nassan schläft mit seiner Frau auf zwei Matratzen, die er tagsüber hinter dem Schrank versteckt. Dafür hat die siebenjährige Silan ein eigenes Kinderbett.

Duschen im Gemeinschaftsbad ist für die Frauen von Gerstungen kein Spaß, denn es gibt nur einen fadenscheinigen Plastikvorhang und selten heißes Wasser. Von den Wänden blättert der Putz und aus den Leitungen tropft es. Außerdem liegen die Toiletten direkt neben der Dusche, für zugigen Publikumsverkehr ist gesorgt.

Manche Neuankömmlinge brächten ansteckende Krankheiten ins Haus, empört sich Ali Rexha, der Kosovo-Albaner. Das Landratsamt des Wartburgkreises bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass trotz vorausgegangener Untersuchung bei einigen Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft Infektionen festgestellt wurden: "Diese wurden behandelt; sie waren nicht lebensbedrohlich", so Vizelandrat Friedrich Krauser. Für das laufende und kommende Jahr sei eine Teilsanierung von Heizung und Sanitärbereich sowie der Elektroinstallation geplant. "Im Rahmen der Wintervorbereitung" werde man beschädigte Fenster reparieren und noch "in diesen Tagen" eine Duschkabine installieren. Warum die Bewohner monatelang darauf warten mussten, erklärte Krauser nicht.

"Die Mauer wieder hochgezogen"

Doch es sind nicht nur die Enge und die Unannehmlichkeiten, die für Verdruss unter den Bewohnern sorgen. Es ist das Warten, die staatlich verordnete Untätigkeit, die in Apathie endet. Am äußersten Rand von Gerstungen liegt die sogenannte Gemeinschaftsunterkunft, isoliert zwischen Bahngleisen und der A4, die quer durch Deutschland führt, aber genau hier so wenig Verbindendes hat.

"Es ist, als habe man für die Zuwanderer die Mauer wieder hochgezogen", empört sich Clemens Wigger, der beim Flüchtlingsnetzwerk "The Voice" in Jena den öffentlichen Protest der Bewohner unterstützt. Knapp zwei Kilometer entfernt verläuft die Grenze zu Hessen - ein Gebiet, das für die Asylbewerber offiziell unerreichbar ist, denn in Thüringen besteht für sie "Residenzpflicht". Das bedeutet, dass sie den Landkreis, in dem sie gemeldet sind, ohne einen gebührenpflichtigen "Urlaubsschein" nicht verlassen dürfen.

Wenn sie es trotzdem tun und dabei ertappt werden, müssen sie ein Bußgeld zahlen. "Ich wurde schon dreimal erwischt", sagt Hamzar Barakat, ein schmaler Mann mit beeindruckend großen blauen Augen und leicht abstehenden Ohren. "Das letzte Mal musste ich 120 Euro bezahlen." Das ist mehr als ein Drittel seines gesamten Einkommens; der aus dem Gaza-Streifen stammende Asylbewerber bekommt monatlich 330 Euro ausgezahlt. Zu Beginn seines achtjährigen Aufenthalts lebte Barakat ausschließlich von Lebensmittelgutscheinen, die das Amt ausgab, und die er dann in ausgewählten Discountern einlösen durfte.

2. Teil: "Wen wundert es, wenn die Leute hier depressiv werden?"

Die strukturelle Schwäche des Arbeitsmarktes in den neuen Ländern führe dazu, "dass ein großer Teil der Zugewanderten kaum eine Chance auf Unabhängigkeit von öffentlichen Transferzahlungen hat", heißt es in den Leitlinien des Landes Thüringen zur Integration. Aufgrund der Residenzpflicht können sie sich aber auch nicht in anderen Bundesländern nach einem Job umsehen. Abgesehen davon ist den meisten eine Erwerbstätigkeit ohnehin untersagt - was sie zu jahrelangem Nichtstun verdammt.

"Die Residenzpflicht ist im Grunde überholt", sagt Petra Heß (SPD), seit 1. Oktober 2010 Ausländerbeauftragte des Freistaats Thüringen. "Ich persönlich bin dafür, dass man sie ganz abschafft oder zumindest auf angrenzende Bundesländer ausweitet." Erst vor kurzem ist ihr Parteigenosse, der Thüringer Justizminister Holger Poppenhäger, mit dem Vorschlag, die Residenzpflicht zumindest auf angrenzende Landkreise einschließlich der Landeshauptstadt Erfurt auszuweiten, im Kabinett gescheitert.

Heß, die sich selbst als "Integrationsbeauftragte" versteht, hofft dennoch, langfristig eine Mehrheit für solche Maßnahmen zu gewinnen. "Asylbewerber sind mit denselben Problemen konfrontiert wie die Migranten mit Aufenthaltsgenehmigung", sagte Heß SPIEGEL ONLINE. Nur haben sie eben nicht dieselben Rechte.

Scham, Suizidangst, Todesdrohungen

"Man kann doch nicht den ganzen Tag rumsitzen, fernsehen und warten", sagt Hamzar Barakat und hebt die Handinnenflächen in Richtung Decke. Lange suchte der ehemalige Möbelpacker mit Abitur nach einem Job, um dann eine Sondererlaubnis zu erwirken - vergebens. "Die Arbeitgeber haben kein Vertrauen in Asylbewerber, sie hatten richtig Angst vor mir", so seine Erfahrung. Zwar besuchte er zwei Monate lang einen Deutschkurs und beherrscht die Sprache inzwischen sehr gut. Sein Antrag auf Beginn einer Ausbildung wurde von der Ausländerbehörde jedoch abgelehnt.

"Alles ist hier sehr kompliziert", sagt der 36-Jährige. Vorschriften, Regeln und behördliche Auflagen machten es schwer, einen normalen Alltag zu leben und Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen. "Ich lebe ja gar nicht in Deutschland, sondern im Lager", sagt er traurig. "Ich bin nicht frei." Er habe kein Privatleben, könne nicht einfach rausgehen, Musik hören oder Freunde einladen. "Wen wundert es, wenn die Leute langfristig depressiv werden und sich etwas antun?"

Tatsächlich setzte sich laut Informationen des Thüringer Flüchtlingsrats im Juli 2009 ein Bewohner des Asylbewerberheims Katzhütte mit Benzin in Brand. Er überlebte nur knapp, die heftig umstrittene Unterkunft im Kreis Saalfeld Rudolstadt wurde nach zahlreichen Protesten im Juni 2010 geschlossen. "Der Mann war Student aus Palästina, er lebte auf Gutschein im Heim und konnte es einfach nicht mehr aushalten", erinnert sich Barakat. Zweimal sei der Asylsuchende vor dem Suizidversuch in der Psychiatrie gewesen, offenbar habe dennoch niemand seine akute Notlage erkannt.

"Ich war jung und dumm"

Nassan Hussen ist seit neun Jahren in Deutschland, sieben davon verbrachte er in Gerstungen. Seine Abschiebung wurde ausgesetzt, er ist als ehemaliges Mitglied der 1993 in Deutschland verbotenen, inzwischen umbenannten "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) mit seiner Familie lediglich geduldet.

"Ich war jung und dumm", sagt er heute, er schämt sich für jene Zeit und betont, dass er mit Politik nichts mehr am Hut hat. Dass er seine Familie nicht ernähren kann, dass er mit Lebensmittelgutscheinen zum Penny gehen muss, dass er um eine Fahrkarte betteln muss, damit sein Sohn in die Berufsschule fahren kann. Er sorgt sich um seine Kinder, seit neulich die Polizei mit Spürhunden das ganze Haus nach Drogen durchsuchte.

Ali Rexha - Status: Duldung bei Aussetzung der Abschiebung - war einst Mitglied der gemäßigten "Demokratischen Liga des Kosovo" (LDK) des späteren Präsidenten Ibrahim Rugova. Aber er kämpfte auch Seite an Seite mit dem ehemaligen Premierminister und früheren UÇK-Bezirkskommandeur Ramush Haradinaj. Der wurde vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen angeklagt, aus Mangel an Beweisen aber freigesprochen. Mitte 2010 wurde der Fall wieder aufgenommen. "Ich habe die Genfer Konventionen immer respektiert", sagt Ali und fährt sich mit der flachen Hand über die Stirn. "Ich würde gern nach Hause zurück, aber ich kann nicht, ich habe zu viele Feinde dort, die bringen mich um."

Kein Zweifel. Ali und Nassan sind Männer mit einer schwierigen Vergangenheit und umstrittenen Kontakten - aber darf man ihnen deswegen eine menschenwürdige Unterbringung verweigern? "Die wenigen Heime, die es in Thüringen noch gibt, sind in einem miserablen Zustand, schlimmer als früher", sagt Osaren Igbinoba vom Flüchtlingsnetzwerk "The Voice", das den Protest der Bewohner organisiert. "Die Asylbewerber haben längst das Gefühl, dass die Behörden sie gezielt bestrafen."

"Ich habe mich in elf langen Jahren selbst integriert", sagt Ali Rexha, der Arbeit und deutsche Freunde fand, seine Kinder zur Schule schickte und die Sprache lernte. Das scheint vernünftig, solange selbst auf der Website der Ausländerbeauftragten von Thüringen zu lesen ist: "Für Ausländer, die nicht über einen auf Dauer angelegten Aufenthaltstitel verfügen, gibt es logischerweise keine staatlichen Integrationshilfen."

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,723041,00.html
fotostrecke: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-60499.html
end

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